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Presseschau - Detail

Institut Papst Benedikt XVI. stellt zweiten Band der Gesammelten Schriften von Joseph Ratzinger bayerischen Bischöfen vor - „Theologie dient der Stärkung aller Gläubigen“

Interview mit pdr vom 9.11.2009

Während der diesjährigen Herbstvollversammlung der Freisinger Bischofskonferenz stellte das Institut Papst Benedikt XVI. mit Direktor Prof. Rudolf Voderholzer, Dr. Christian Schaller und Franz-Xaver Heibl den bayerischen Bischöfen den aktuell erschienenen zweiten Band der Gesammelten Schriften von Joseph Ratzinger vor. Prof. Dr. Marianne Schlosser aus Wien war vom Heiligen Vater gebeten worden, die redaktionelle und wissenschaftliche Arbeit der Bonaventura Studien zu übernehmen. In einem kurzen anschließenden Interview nahm die Wissenschaftlerin Stellung zu „Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften – Offenbarungsverständnis und Geschichtstheologie Bonaventuras“.

 

Vielleicht fragt sich manch einer etwas verwundert, warum als zweiter Band in der Reihe der „Gesammelten Schriften“ ausgerechnet Joseph Ratzingers frühe Studien über Bonaventura erscheinen.

 

Marianne Schlosser:

Band 2 nimmt in der Reihe insofern eine besondere Stellung ein, als ein großer Teil seines Inhalts hier zum ersten Mal publiziert wird: Die ersten 400 Seiten des etwa 900 Seiten starken Bandes enthalten denjenigen Teil der Bonaventura-Studie des jungen Joseph Ratzinger, der mehr als 50 Jahre lang in der Schublade geruht hat. Von der in den Jahren 1953 bis 1955 erarbeiteten Untersuchung zum Verständnis von Offenbarung, Heilsgeschichte und Geschichtstheologie bei dem franziskanischen Kirchenlehrer Bonaventura war bekanntlich nur der letzte Teil, die „Geschichtstheologie“, im Druck erschienen (1959/1992). Mehrfach hat Kardinal Ratzinger geäußert, er wolle sich mit diesem unveröffentlichten Teil seines frühen Werks noch einmal befassen, sobald ihm Zeit dafür gegönnt sei. Die damalige Arbeit ist ganz offenkundig für seine wissenschaftliche Biographie und auch persönlich von großer Bedeutung, und er empfindet es auch so. Nun lässt ihm natürlich sein Amt jetzt keine Zeit mehr, den Traum zu verwirklichen. Umso größer war die Ehre und Freude, das Typoskript für die Veröffentlichung anvertraut zu bekommen! 

 

Welcher Ansatz wurde bei der Erstellung des Bandes erhoben und ist die Materie für den heutigen Leser noch aktuell?

 

Marianne Schlosser:

Joseph Ratzinger war und ist es ein Anliegen, Theologiegeschichte „ressourcenorientiert“ zu betreiben. Das sieht man etwa an seinen Katechesen über die Kirchenväter oder derzeit über mittelalterliche Theologen. Es gibt Fragen, die glaubende Menschen zu jeder Zeit bewegen, auch uns heute. Darum dürfen wir auch Theologen vergangener Zeiten als Diskussionspartner laden. Joseph Ratzingers Lehrer, Gottlieb Söhngen, hat seinem Habilitanden damals Bonaventura vorgeschlagen: Dieser ist ein besonders profilierter Denker und zugleich ein Lehrer der mystischen Theologie. Bei diesem franziskanischen Kirchenlehrer, so könnte man kurz sagen, hat die Schöpfungswirklichkeit eine hohe Bedeutung, doch im Zentrum seiner Theologie steht die Person Christi und sein Wirken in der Geschichte. Von daher war zu erwarten, dass man mit den Fragen: Was ist Offenbarung? Was bedeutet, Gott zu erkennen und mit ihm in Beziehung zu kommen? Welche Rolle kommt der Vernunft des Menschen zu? Wie verhalten sich Metaphysik und Geschichte, Philosophie und Heilige Schrift? in Bonaventura einen anregenden Gesprächspartner finden würde. Diese Fragen waren damals vor allem auch im ökumenischen Gespräch „heiße Eisen“. Wenig später, auf dem II. Vatikanischen Konzil und den dort diskutierten Fragen zum rechten Verständnis von „Offenbarung“, dem Verhältnis von „Wort Gottes“, „Tradition“, „Heiliger Schrift“ und „Kirche“, sollten die an Bonaventura gewonnenen Erkenntnisse für den Konzilstheologen J. R. eine wichtige Rolle spielen. Und genau diese Fragen beschäftigen die heutige Theologie ja nicht weniger. 

 

Ist der Theologe Joseph Ratzinger von Bonaventura geprägt?

 

Marianne Schlosser:

Bonaventura ist im theologischen Werk Joseph Ratzinger präsent, in ausdrücklichen Zitaten zuweilen, aber mehr noch mit den theologischen Anliegen. Um eines herauszugreifen: das Verständnis von Theologie. Für Bonaventura hat die Theologie drei Aufgaben: Sie kann auf der Basis von Argumenten das Gespräch mit Nicht-Glaubenden führen, bzw. den Glauben verteidigen; sie ist zugleich Stärkung für die Gläubigen – also ein Dienst für die Kirche; und sie schenkt dem Theologen selbst eine große innere Freude: „denn man freut sich sehr, wenn man auch ein wenig einsehen darf, was man glaubt und liebt.“ Wie die Philosophie sich nicht in sich selbst verschließen darf, sondern offen bleiben muss für Erkenntnisse, die sie nicht selbst auffinden kann, so darf auch Theologie nicht „stehenbleiben“; denn sie ist „Wissenschaft vom Glauben“. Wenn Gott sich offenbart, will er nicht nur das Wissen des Menschen bereichern, sondern ihn im Innersten mit Liebe berühren und verwandeln. Und wenn Theologie eben „intellectus fidei“ -„Glaubenseinsicht“ ist, dann findet sie ihre Vollendung in der Heiligkeit.

 

Interview mit Prof. Schlosser (pdr, 9.11.2009)