Seite drucken     Schriftgröße A-  A  A+

Presseschau - Detail

Der Vernunftbegriff soll weiter werden

DT vom 15.9.2016, Nr 110, S. 5 von Veit Neumann

Zehn Jahre „Regensburger Rede“ von Papst Benedikt XVI.: Kurienkardinal Gerhard Müller versieht sie mit hochaktuellen Deutungen. 

 

Regensburg (DT) Vor zehn Jahren hat Papst Benedikt XVI. im Rahmen seines Pastoralbesuchs in Deutschland an der Universität Regensburg die „Regensburger Rede“ gehalten. Aus diesem Anlass sprach Kardinal Gerhard Müller, damals gastgebender Bischof von Regensburg, am Dienstagabend im Domforum im Regensburger Dom und ordnete die damaligen Aussagen des Papstes wegweisend ein. Damals hatten sie, vielfach einseitig und reduziert wiedergegeben, weltweit für Schlagzeilen und mitunter Unruhe gesorgt. Nach einem Jahrzehnt nun war es angemessen, ihre zutreffende Bedeutung zu unterstreichen.

 

Gastgeber des Domforums war Bischof Rudolf Voderholzer. Kardinal Müller, heute Präfekt der römischen Glaubenskongregation, hatte das Veranstaltungsformat „Domforum“ in seiner Zeit als Bischof von Regensburg in der maßgeblichen bayerischen Diözese ins Leben gerufen. Bischof Voderholzer erklärte: „Das Thema der damaligen Vorlesung, Glaube und Vernunft, erweist sich als prophetisch und es wird von Jahr zu Jahr aktueller. Es lohnt sich, zehn Jahre danach bedacht und erwogen zu werden.“ Bischof Voderholzer nannte Kardinal Müller als Redner des Domforums zu diesem Thema „ideal“, auch insofern er der zweite Nachfolger Joseph Ratzingers an der Spitze der römischen Glaubenskongregation ist.

 

Der Präfekt der römischen Glaubenskongregation umriss sodann die Zentralbegriffe Glaube und Vernunft, wie sie Benedikt XVI. in der Rede zueinander in Beziehung setzt. „Der Gelehrte auf der Kathedra Petri plädierte nicht für eine Rückkehr in die Zeit vor dem Aufkommen der modernen Naturwissenschaften und Technologien. Er betonte aber auch, dass man über die kritische Philosophie Immanuel Kants kritisch diskutieren muss.“ Wiederholt trug Müller Passagen aus der denkwürdigen Rede Benedikts XVI. vor: „In seiner Regensburger Vorlesung sagt Papst Benedikt: ,Nicht Rücknahme, nicht negative Kritik ist gemeint, sondern um die Ausweitung unseres Vernunftbegriffs und -gebrauchs geht es. Denn bei aller Freude über die neuen Möglichkeiten des Menschen sehen wir auch die Bedrohungen, die aus diesen Möglichkeiten aufsteigen, und müssen uns fragen, wie wir ihrer Herr werden können?“ Insgesamt nannte der Kardinal die Rede ein „Manifest des Dialogs der Religionen und Kulturen auf der Grundlage der Vernunft“. Ein historisches Ereignis ersten Ranges angesichts des jahrhundertelangen konfliktreichen Verhältnisses von Christentum und Islam stelle somit die Tatsache dar, dass 138 islamische Gelehrte in einem Offenen Brief an die christlichen Gemeinschaften das Angebot des notwendigen Dialogs über ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher religiöser Überzeugung annahmen, ohne die unüberbrückbaren Differenzen im Gottesverständnis und Menschenbild zu verschweigen. Auch nannte Müller den Kairos der Vorlesung eine „Sternstunde der großen deutschen Universitätstradition“. Wer sie erleben durfte und den großen Gedankenbogen nachvollzogen hat, erklärte der Kardinal weiter, „der konnte nur entsetzt sein über die Gewalt gegen Christen seitens fanatisierter Massen, die Tage danach durch böse Polemiken in den Medien, in unseren Medien ausgelöst worden waren“. Ein Halbsatz, ein unverstandener Gedanke seien nämlich aus einem großen Zusammen-hang gerissen worden, er sei in sein Gegenteil verkehrt worden, um dann mit einer skandalträchtigen Überschrift Wellen von Empörung zu erzeugen.

 

Allerdings blieb Kardinal Müller nicht bei einer zutreffenden Einordnung der damaligen Aussagen des Papstes und der gesteuerten Folgen stehen. Vielmehr schlug er eine Brücke zur Gegenwart und zur Zukunft hin, indem er feststellte, welche Bedeutung echter Religion heute zukomme. Das Zweite Vatikanum definiere Religion im Dekret über die Religionsfreiheit als „pflichtgemäße Gottesverehrung“ (Dignitatis humanae 1). Religion sei nicht ein von Menschen fiktiv-ersonnenes Mittel, ein Placebo zur Kontingenzbewältigung. Der ursprünglichste Gedanke der Vernunft sei vielmehr „das Staunen, dass es mich und die ganze Welt überhaupt gibt“. Das Wesentliche der religiösen Erfahrung sei „das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer und das unendliche Vertrauen in seine Vorsehung. Religion ist das Urvertrauen, dass der, der mich ins Dasein gerufen hat, alles auch zu einem guten Ende führt, obwohl vieles auf dem Weg dunkel erscheint“. Religion sei also nicht mit ihrem Missbrauch zu verwechseln.

 

Mit Bezug zur „Regensburger Vorlesung“ erklärte Müller weiter, ein Krieg mit all seinen Gräueltaten könne niemals heilig und somit Gott gefällig sein. Die Verbreitung des Glaubens geschehe stattdessen nur über die Einsicht und die Freiheit des Menschen. Der Präfekt der Glaubenskongregation: „Darauf müssen die maßgeblichen politischen und religiösen Autoritäten in den islamisch geprägten Kulturen und Staaten eine Antwort finden: wie die sogenannten Schwertverse des Koran mit dem in der Natur des Menschen grundgelegten Recht auf Freiheit im Glauben zu vereinbaren ist. Nicht nur die gewaltsamen Mittel zu Ausbreitung einer Religion oder einer politischen Ideologie müssen abgelehnt werden, sondern auch das Ziel einer religiös-politischen Weltherrschaft. Nicht diejenigen beleidigen Gott, die auf den Selbst-Widerspruch jeder pseudoreligiös sich begründenden Gewalt hinweisen, sondern die sich für ihre Untaten auf Gott berufen.“ Nicht zuletzt sprach sich der Präfekt der Glaubenskongregation gegen den Relativismus in Glaubensdingen aus – entgegen den Kritikern der drei großen monotheistischen Religionen, die behaupteten, nur ein konsequenter Relativismus in der Wahrheitsfrage könne die latente Gewaltbereitschaft des Monotheismus im Judentum, im Christentum und im Islam zähmen und in den Griff bekommen. Der Preis des Relativismus, so Müller eindringlich, sei allerdings sehr hoch: „Der Relativismus führt unausweichlich in eine Gesinnungsdiktatur. Wenn nicht mehr alle Menschen in der Suche nach der Wahrheit und der Liebe zu ihr miteinander verbunden wären, müsste an die frei gewordene Stelle des Wahrheitsgewissens die Ideologie der totalitären Welterklärung und der Gesellschaftsordnung des Neuen Menschen treten.

 

Aber wie kann die endliche Vernunft eines sterblichen Hegel und Marx, ganz zu schweigen von den kleineren ,Welterlösern‘ von der Gnosis bis zu New Age, zu absoluten Wahrheiten gelangen, der sich zu unterwerfen sie ihre sterblichen Mitmenschen mit Gehirnwäsche und Gewalt zwingen? Der endliche Verstand des Menschen wird nie Wahrheit und Freiheit gewaltfrei verbinden.“

 

Kardinal Müller nahm eindeutige Zuordnungen vor: „Es war kein Zufall, dass der Terror als Mittel zur ideologischen Gleichschaltung als Kind der Französischen Revolution geboren wurde. In der Schreckensherrschaft der Jakobiner wurde der Terror gegen Hunderttausende unschuldiger Menschen als Tugend gerechtfertigt und als Herrschaft der Vernunft und des Volkswillens verherrlicht.“ Demgegenüber allerdings appellierte der Präfekt der Glaubenskongregation: „Statt im antichristlichen Affekt den pseudoreligiös sich tarnenden Terrorismus zu benutzen, um im antiquierten Aufklärungspathos die Religion und konkret das Christentum zu diskreditieren, sollten sich alle Menschen guten Willens verständigen auf eine moralische und sozial-ethische Grundlage des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher religiöser und philosophischer Grundeinstellung. Das kann nur die Anerkennung des natürlichen Sittengesetzes sein und der universellen Menschenrechte, die in der unantastbaren Würde eines jeden einzelnen Menschen gründen.“ Jedoch fügte Müller in der katholischen Tradition hinzu: „Auch die Staaten mit der Bevölkerungsmehrheit einer bestimmten Glaubensrichtung müssen die Religionsfreiheit der Minderheiten und aller Bürger anerkennen und sich jeder Einmischung in das Wahrheitsgewissen und das sittliche Gewissen der Person und der Glaubensgemeinschaften enthalten.“ Der Präfekt verwies auf aktuelle Zeitbezüge. Mit der Enzyklika „Laudato si“ habe Papst Franziskus die Sorge um die Erde als gemeinsames Haus aller zum Hauptthema einer religiös begründeten und wissenschaftlich ausgelegten Umweltethik ge-macht. So könne etwa die weltweite Flüchtlingskrise nicht nur technisch-praktisch und ohne ein Minimum an religiös-ethischen Prinzipien bewältigt werden. Kardinal Müller: „,Wir schaffen das!? Gewiss – aber nur, wenn wir uns klar machen, dass wir geschaffen sind, das heißt: dass wir uns für das Wohl und Wehe unserer Brüder und Schwestern jetzt im Gewissen und am Jüngsten Tag einmal vor dem Richterstuhl Gottes verantworten müssen.“ Ohne Gottes Frieden in unseren Herzen könnten wir demnach die globale Krise nicht meistern; Liebe und Versöhnung, nicht Hass und Vergeltung führten in die Zukunft. Das sei die bleibende Botschaft der Regensburger Vorlesung von Benedikt XVI., formulierte Kardinal Müller abschließend. Der Kardinal begründete auch, weshalb die Theologie ein maßgeblicher Bestandteil der Wissenschaft ist: „Die Theologie gehört integral in das Gefüge der Universität, weil sie mit allen Wissenschaften verbunden ist durch die Vernunft als Prinzip und Kriterium ihrer Erkenntnisse.“

 

DT 15.9.2016, 5