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Presseschau - Detail

Christus ist der Ort wahren Lebens

DT vom 19.04.2012, Nr. 47, S. 6 von Michael Karger

Gesamtausgabe der Werke von Papst Benedikt XVI. wird mit Eschatologie-Band fortgesetzt. 

 

Über seinen Beitrag zur „Kleinen Katholischen Dogmatik“ im Taschenbuchformat die er zusammen mit dem Dogmatikerkollegen in Regensburg, Johann Auer, herausgegeben hat, berichtet Papst Benedikt XVI. rückblickend: „Als ich schließlich den einen der zwei mir zugedachten Faszikel – die Eschatologie – abgeschlossen hatte, wurde ich zum Erzbischof von München und Freising ernannt, so dass dieses zeitgleich mit meiner Bischofsweihe erschienene Werk mein einziger Beitrag zum gemeinsamen Unternehmen blieb. Der andere mir zugedachte Beitrag – die Einführung in die Theologie – blieb ungeschrieben.“ Der Papst schrieb dies im Vorwort zur Neuausgabe 2007 dreißig Jahre nach der Erstveröffentlichung von „Eschatologie – Tod und ewiges Leben“ (1977).

 

Sein Lehrbuch hatte bis dahin sechs Auflagen erreicht und war in alle Weltsprachen übersetzt worden. Somit haben Papst Benedikt und Karl May etwas gemeinsam: Beide sind Erfolgsautoren des Pustet Verlages. Offensichtlich muss aber die Aufteilung der Traktate gewechselt haben, da im Editionsplan in der Erstausgabe Johann Auer als Verfasser der „Einführung in die dogmatische Theologie“ (Band I) angeführt wird und Ratzinger als Autor der Eschatologie (Band IX) sowie als Mitautor der Christologie „Das Mysterium Christi“ (Band IV) genannt wird. Nun liegt die Eschatologie, das einzige von Ratzinger veröffentlichte dogmatische Lehrbuch, zusammen mit weiteren Texten zu den Themen Hoffnung, Tod, Auferstehung und ewiges Leben als zehnter Band der „Gesammelte Schriften“ vor. Im Sommersemester 1957 hatte Ratzinger erstmals eine (vierstündige) Eschatologievorlesung an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Freising gehalten.

 

Nach zwanzigjähriger Beschäftigung mit diesem Traktat – nur die Lehre von der Kirche hat er öfter vorgetragen – legte Ratzinger seine Darstellung vor und äußerte sich im Vorwort zur Entwicklung seines Denkens: „Ich hatte kühn mit jenen Thesen begonnen, die – damals noch ungewohnt – sich heute auch im katholischen Raum fast allgemein durchgesetzt haben, das heißt ich hatte versucht, eine ,entplatonisierte‘ Eschatologie zu konstruieren. Je länger ich aber mit den Fragen umging, je mehr ich mich in die Quellen vertiefte, desto mehr zerfielen mir die aufgebauten Antithesen unter der Hand und desto mehr enthüllte sich die innere Logik der kirchlichen Überlieferung. So steht das hier vorgelegte Ergebnis zweier Jahrzehnte nun in umgekehrter Weise quer zur herrschenden Meinung als meine ersten Versuche es damals taten ...“

 

Da der vorliegende Band erstmals alle Texte zur Eschatologie systematisch darbietet, kann man nun die obige Aussage über die Entwicklung im Denken Ratzingers bis zur Monografie 1977 zum Beispiel in der zentralen Frage des Seelenbegriffes leicht mitvollziehen.


Auf den Begriff „Seele“ kann nicht verzichtet werden

 

Der Band hat vier große Kapitel: Im Teil A steht die Monografie „Eschatologie – Tod und Ewiges Leben“ mit den beiden Anhängen, die der Verfasser der sechsten Auflage 1990 hinzugefügt hat: Im ersten Anhang „Zwischenbericht zur Diskussion“ geht Ratzinger ausführlich auf seine Kritiker ein und bewertet die inzwischen vorliegende Literatur zur Eschatologie. Von grundsätzlicher Bedeutung sind dabei seine Ausführungen zur Hermeneutik des Glaubens. Im zweiten Anhang „Zwischen Tod und Auferstehung“ geht Ratzinger auf den „Brief zu einigen Fragen der Eschatologie“ der Kongregation für die Glaubenslehre vom 17. Mai 1979 ein. Nur zwei Jahre nach Rehabilitation des Seelenbegriffs in der „Kleinen Dogmatik“ durch Ratzinger hat das oberste Lehramt im Zusammenhang mit der Frage nach dem Zwischenzustand zwischen Tod und Auferstehung ausdrücklich den Begriff Seele als unverzichtbar erklärt. In dem Lehrschreiben heißt es, dass es keinen stichhaltigen Grund gäbe, dieses Wort abzulehnen, im Gegenteil, Seele sei „das schlechthin notwendige worthafte Instrument, um den Glauben der Kirche festzuhalten.“ Damit hatte das besonders in Deutschland heftig attackierte Eintreten Ratzingers für den Seelenbegriff eine unerwartete lehramtliche Bestätigung erfahren. Im Teil B folgen zweiundzwanzig chronologisch angeordnete Texte zur Eschatologie aus dem Zeitraum 1957 bis 1999, darunter zehn Aufsätze, ein Interview und neun Artikel für die zweite Auflage des Lexikons für Theologie und Kirche. Besonders eindrücklich ist die Rezension von Karl Rahners Buch „Zur Theologie des Todes“ aus dem Jahr 1958. In der klaren Zurückweisung der Thesen Rahners vom Tod als Tat leuchtet bereits Ratzingers tiefe eigene Theologie des Todes auf. Im Teil C folgen alle Texte zur politischen Theologie, zur Theologie der Hoffnung und zur Befreiungstheologie. Den abschließenden Teil D bildet eine Auswahl von zehn Predigten, die über den konkreten Anlass hinaus auf eschatologische Themen eingehen. Exemplarisch zeigen die Predigten, wie es Ratzinger gelingt, Grundaussagen des Glaubens in die Sprache der Verkündigung zu übersetzen. Angehängt sind die wie gewohnt knappen und präzisen bibliografischen Nachweise des wissenschaftlichen Leiters der Edition Rudolf Voderholzer, ein Schriftstellen- und ein Namensregister.

 

Dem Band vorangestellt ist ein Vorwort des Bischofs von Regensburg, Gerhard Ludwig Müller, dem Herausgeber der Werkausgabe. Bischof Müller, dem die institutionellen Voraussetzungen für das zügige Voranschreiten der Edition zu verdanken sind, arbeitet die Bezüge zwischen den einzelnen Kapiteln dieser Lehre von den letzten Dingen heraus. Insgesamt kann man sagen, dass das Besondere des Lehrbuches von 1977 die Verbindung von Christozentrik und existenziellem Ansatz ohne jeden Verlust an Heilsrealismus darstellt: „Das entscheidend Neue, das das Christentum aus dem Jüdischen hervortreten lässt, ist der Glaube an den auferstandenen Herrn, an das Jetzt seines Lebens, das auch den Glauben zu einem Jetzt macht und ihn zugleich mit der Gewissheit der eigenen Auferstehung erfüllt.“ Alle Bilder des Neuen Testamentes vom Leben nach dem Tod wie Schoß Abrahams, Paradies, Lebensbaum, Wasser, Licht werden als christologische Aussagen erkannt, die keine Orte beschreiben, sondern „Christus umschreiben, der das wahre Licht und das wahre Leben, der Lebensbaum ist.“

 

Im Mittelpunkt steht die „Auferstehungschristologie“. Die Annahme eines Todesschlafes zwischen dem individuellen Tod und dem Weltende, wie ihn Luther vertreten hat, lehnt Ratzinger entschieden als unbiblisch ab. Paulus lehrt eindeutig, dass die in Christus Verstorbenen leben. Somit stand Ratzinger vor der Aufgabenstellung, den sogenannten „Zwischenzustand“ neu zu durchdenken. Wenn „die zentrale Gewissheit des im Tod unzerstörten Seins mit Christus und seiner Ausständigkeit auf die endgültige ,Auferstehung des Fleisches‘ hin gewahrt werden sollte“, bedurfte es einer neuen Klärung des Seelenbegriffs.

 

Aus dem Protestantismus kommend war auch in die katholische Theologie und Verkündigung der Gedanke eingedrungen, dass die Rede von der Unsterblichkeit der Seele die Vorstellung einschließe, dass die Seele aus sich heraus unzerstörbar weiterlebe, sodass es einer freien gnadenhaften Auferweckungstat Gottes scheinbar nicht bedürfe. An die Stelle des als dualistisch und platonistisch diskreditierten Seelenglaubens trat nachkonziliar die aus der protestantischen Theologie übernommene Vorstellung von der Auferstehung im Tode, die auch keinen Zwischenzustand mehr kennt. Konsequenz dieser Auffassung ist die gängige Praxis, den Fürbittcharakter der Messfeier für den Verstorbenen zu ignorieren und den Gottesdienst zur Auferstehungsfeier umzudeuten. Ratzinger hat nun nachgewiesen, dass das Neue Testament die Vorstellung von der Auferstehung im Tod ausdrücklich ablehnt, aber sehr wohl vom „beim Herrn sein“ zwischen Tod und Auferstehung weiß. Ratzinger zeigt die Legitimität, mit der die Tradition die Begriffe Leib und Seele verwendete: „Seele ist nichts anderes als die Beziehungsfähigkeit des Menschen zur Wahrheit, zur ewigen Liebe.“

 

Die christliche Unsterblichkeitsvorstellung geht bei Ratzinger vom Gottesbegriff aus und hat darum einen dialogischen Charakter: „Ein Wesen ist umso mehr es selbst, je offener es ist, je mehr es Beziehung ist ... Solche Offenheit ist dem Menschen gegeben (insofern abhängig, nicht Produkt eigener Leistung). Aber sie ist ihm zu eigen gegeben ... Das eben heißt Schöpfung und das meint Thomas, wenn er sagt, die Unsterblichkeit eigne dem Menschen von Natur her.“ Die Annahme des Menschen geschieht in der Menschwerdung Gottes: „Christus ist der Baum des Lebens, von dem der Mensch das Brot der Unsterblichkeit empfängt.“

 

Für Ratzinger ist die Unterscheidung zwischen Seele und Leib unverzichtbar. Die Materie an sich kann keine Dauer garantieren. Allein der auferstandene Christus ist der Ort des wahren Lebens, in den die Gemeinschaft der Heiligen einbezogen ist. Am Glaubenssatz der „Auferstehung am Jüngsten Tag“ hält Ratzinger fest. Ein ewiges Nebeneinander der geistigen und der materiellen Welt widerspricht dem „Wesenssinn der Geschichte“ und den Aussagen der Schrift. Ratzinger bezeichnet die „Auferstehung des Fleisches“ als eine Gewissheit, die darin besteht, dass es eine Situation geben wird, „in der Materie und Geist einander endgültig zugeeignet werden“.

 

Heutigen „Hoffnungsstrategien“ wie dem innerweltlichen Messianismus des Marxismus und anderen politischen Heilserwartungen erteilt Ratzinger eine Absage. Stets habe die Kirche die Vorstellung einer innergeschichtlichen Vollendung der Geschichte abgelehnt. Der Glaube an die Wiederkunft Christi schließt die Möglichkeit einer innergeschichtlichen Vollendung der Welt aus und erwartet, „dass am Ende die Wahrheit richtet und die Liebe siegt, freilich nur in der Transzendierung der bisherigen Geschichte, nach der die Geschichte letzten Endes selber ruft“. Der auferstandene Christus ist die Garantie dafür, dass die Vollendung der Welt außerhalb ihrer selbst keine Illusion darstellt. Von hierher wird verständlich, warum im Teil C die großartigen Analysen stehen, die Kardinal Ratzinger, Präfekt der Glaubenskongregation, der Befreiungstheologie gewidmet hat. Ging es doch um die Abwehr innerweltlicher Heilsversprechungen durch marxistische Theologen, deren Konsequenz die Sendung der Kirche zerstört hätte.

 

Die Glaubenssätze von der Existenz der Hölle und von der Ewigkeit der Höllenstrafen hält Ratzinger für biblisch begründet. Den Realitätscharakter der Bösen demonstriert er am Kreuzestod Christi: „Er tritt in die Freiheit des Sündigenden ein und überbietet sie durch die Freiheit seiner in den Abgrund gehenden Liebe.“ Auch den bleibenden Gehalt der Lehre vom Fegfeuer könne man nur von Christus her verstehen: Die Reinigung geschieht allein „durch die umwandelnde Kraft des Herrn, der unser verschlossenes Herz freibrennt und umschmilzt ... in den lebendigen Organismus seines Leibes hinein“.

 

Vom Gedanken der Stellvertretung und der Gemeinschaft der Heiligen her wird auch das Gebet für die Verstorbenen verteidigt: „Stellvertretende Liebe ist eine zentrale christliche Gegebenheit, und die Fegfeuerlehre sagt aus, dass es für diese Liebe die Todesgrenze nicht gibt. Die Möglichkeiten des Helfens und Schenkens umgreifen die ganze Communio sanctorum diesseits und jenseits der Todesschwelle.“ An erster Stelle wird der Himmel als personale Wirklichkeit verstanden: „Der Mensch ist im Himmel in dem Maße, in dem er bei Christus ist, womit er den Ort seines Seins als Mensch im Sein Gottes findet.“

 

In der himmlischen Liturgie ist auch der Ort der Gottesschau der Erlösten: Das österliche Geheimnis von Tod und Auferstehung geschieht in der Selbstübergabe des verklärten Sohnes an den Vater. Sind die Erwählten in Christus, so hat der Himmel den Charakter der Anbetung: „Christus ist der endzeitliche Tempel, der Himmel das neue Jerusalem, die Kultstätte Gottes. Der Bewegung der mit Christus vereinten Menschheit auf den Vater hin antwortet die Gegenbewegung der Liebe Gottes, die sich dem Menschen schenkt. So schließt der Kult in seiner himmlischen Vollendungsform die trennungslose Unmittelbarkeit von Gott und Mensch ein ...“

 

Zwei geschichtliche Stadien kennt der Himmel. Zwar begründet die „Erhöhung Christi“ die neue Einheit von Gott und Mensch, aber das Heil des Einzelnen ist erst ganz erfüllt, wenn das Heil des Kosmos und aller Erwählten sich ereignet hat: „Dann wird die ganze Schöpfung ,Gesang‘ sein, ... Freude, in der alles Fragen aufgelöst und erfüllt ist.“

 

Mit der Rückführung auf die Christologie hat der Theologe Joseph Ratzinger der überlieferten Begrifflichkeit der Lehre von den letzten Dingen ihren tiefen Sinn zurückgegeben. Seine nun fünfunddreißig Jahre zurückliegenden Einsichten etwa über den unverzichtbaren Gehalt des Seelenbegriffs, die Bedeutung des „Zwischenzustandes“ und seine notwendige Unterscheidung von der „Auferweckung am Jüngsten Tag“ haben erst begonnen, die Verkündigung und das Verständnis der Liturgie für die Verstorbenen zu verändern.

 

Joseph Ratzinger: Auferstehung und ewiges Leben. (Gesammelte Schriften Band 10). Herder-Verlag, Freiburg, 2012, gebunden, 761 Seiten, EUR 55,–